Bloginitiative
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Aussetzer

Nach gefühlter Ewigkeit, real acht Monaten, sitzen wir Schachti gegenüber.

Eine Stunde braucht es, über unsere Krankheiten und Krankenhausaufenthalte und OPs zu berichten.

Geduldig hört er zu, hin und wieder seine Leiden andeutend, die seine Schaffenskraft allerdings kaum zu schmälern scheinen, hat er noch vor zehn Minuten Kacheln aus dem Zementboden seines Kellers gekloppt.

„Seit drei Wochen bin ich zugange, wir brauchen ne Dusche und Toilette hier unten!“

Er strahlt, als er unsere besorgten Blicke sieht, denn, wir könnten solch eine Maloche nicht mehr stemmen.

„So, genug geredet über die Krankheiten und so“, schmunzelt Schachti und wir prosten uns zu, froh, wieder in Knesebeck zu sein, wieder seine Gastfreundschaft genießen zu dürfen.

 

Unser kleines Gastgeschenk, eine große Blech-Dose mit unterschiedlichen Plätzchen, liegt auf dem Tisch.

Unvermittelt greift Schachti nach einem Messer und einer Gabel und fragt mit scheinheilig süßem Lächeln, ob wir schon einmal Plätzchen mit Messer und Gabel gegessen hätten.

„Die haben wohl lange im Auto gelegen, stimmt‘s?“

Schlagartig wird mir klar: Auf keinen Fall wollte ich die Keksdose vergessen, also habe ich sie vor zwei Wochen im Auto verstaut. Bei der Hitze!

Mal wieder nicht zu Ende gedacht!

Werde ich älter?

Sind das die Aussetzer, mit denen alles anfängt?

Auf meine Wiedergutmachungsankündigung, das nächste Mal neue Kekse mitzubringen, winkt Schachti lachend ab und schiebt sich einen zusammengeschmolzenen Schokoladenriegel in den Mund.

 

Wir fahren rum zum Kirren. Dieses Mal zu einer neuen Kirrstelle, zu erreichen über einen längeren Pirschweg durch eine sehr dichte, zehnjährige Kiefernschonung.

Nach Hälfte des immer schmaler werdenden Pirschweges hemmen die trockenen Äste der engstehenden Kiefern ein zügiges Weitergehen. Einstein, mit voller Schütte in der Hand, stolpert über Wurzeln, bricht kleine Zweige ab, um die Augen zu schützen, stürzt der Länge nach hin, verliert die Maiskörner und spürt, wie die Kraft aus seinen Beinen einem eigenartigen Gefühl der Schwäche weicht.

Ich sitze derweil im Wagen und warte auf Einsteins Aussage, ob die Kirrung angenommen worden sei oder nicht.

Das Ergebnis teile ich der Whats-App-Gruppe mit, damit die dieser Gruppe zugehörenden Jäger Bescheid wissen.

Ich warte, werde nach 8 Minuten unruhig, weil er eigentlich längst hätte zurückgekehrt sein müssen.

Gerade will ich aussteigen und ihm entgegen gehen, als er aus dem Kiefernbestand auftaucht, total fertig, mühsam um Luft ringend.

Totenblass lässt er sich auf den Beifahrersitz fallen. Er kann kaum sprechen, greift zur Wasserflasche.

„Ich kann nicht mehr“, stöhnt er entnervt und geknickt.

Ein Mann, der noch vor einigen Monaten gut zu Fuß war, scheint angeschlagen und zutiefst erschrocken.

Das Aufsuchen der anderen Kirrungen geschieht ausgesprochen langsam, step by step.

Der Abendansitz an diesem 8. Augusttag beschert den Anblick von Hasen und weiblichem Rehwild.

 

Langsam wird es hell. Einstein sitzt auf einer Leiter, blickt über den Maisschlag und in die Beregnungsgasse. Ich sitze mit Flo keine 100 Meter entfernt in einer fahrbaren Kanzel am Rande dieses Maisfeldes, über das Einstein thronend wacht.

Wir beide lieben es, wenn es, im Gegensatz zum Abendansitz, immer heller wird, der leichte Nebel aufsteigt und den Blick auf die Natur freigibt.

 

Flo hebt schlagartig den Kopf, blickt zu mir, dann zum Fenster.

Aus dem Tagträumen erwacht, sehe ich einen schwarzen Körper, der sich  aus dem Mais und dem Dunst schält. Ein Schweinchen durchfährt es mich. Blitzschnelle Kontrolle durch das Zielfernrohr. Kann keine Sau sein, eher ein Nutria, denke ich überrascht und schieße.

Das Tier liegt auf der Stelle.

Lass es liegen, ermahne ich mich. Vielleicht kommt noch eine Stachelratte, oder, aufgeschreckt durch den Schuss, ein  flüchtendes Wildschwein.

„Der Gedanke war richtig“, sagt Einstein, als wir uns später treffen, „nach deinem Schuss preschte ein Überläufer vor mir aus dem Mais über die Gasse, leider zu schnell für einen sauberen Schuss!“

Eine Stunde später. Flo sitzt bereits in ihrer gepolsterten Tragetasche auf der geteilten Rückbank, ein wenig sauer, dass sie an dem erlegten Wild nicht schnuppern durfte, und schaut aus dem Seitenfenster zu, was Herrchen wohl macht.

Diese kleine Hundedame beobachtet sehr genau, nimmt die kleinsten Stimmungen ihrer Menschenmeute wahr, leidet mit, wenn es Einstein, Gunthi oder mir nicht gut geht, freut sich unbändig, wenn sie überall mit hingenommen wird und mit ihrem Wesen glänzen kann. Sie sieht, wie ich vor dem von mir getöteten Wild stehe. Ob sie meine Gedanken errät?

Vor mir ein Waschbär, der platt auf allen Vieren liegt.

Ich drücke seinen Kopf zur Seite, sehe sein blutverschmiertes Gesicht. 

Warum habe ich dieses niedliche Leben ausgelöscht?

Ich suche nach Rechtfertigungsgründen. Bei einem Wildschwein hat der Abschuss einen Sinn: Das Fleisch schmeckt hervorragend. Den Waschbären könnte man ebenfalls essen, ist aber nicht so mein Ding. Warum also?

 

Ende der 1920er Jahre von Nordamerika als Pelztier nach Deutschland geholt, wurde es 1934 am Edersee ausgesetzt. Selbst Naturschützer, die Jäger gehören dazu, befürworten die Jagd auf Waschbären. weil sie sich rasant vermehren und in Wohngebieten nachts auf Jagd gehen. Mülltonnen oder Gelbe Säcke ziehen sie magisch an.

Als Allesfresser stehen seltene Kröten, die Eier von Kiebitzen, Feldlerchen, Rebhühnern und Fasanen sowie Junghasen und Kaninchen auf ihrem Speiseplan.

Als Krankheitsüberträger von Tollwut, Spulwürmern und Hepatitis E stellen sie eine besondere Gefahr für Mensch und Haustier dar.

 

Deswegen durfte Flo ihn nicht beschnuppern!

 

Das Gesicht, niedlich und einem Kindchen-Schema gleich, habe ich vor dem Schuss nicht gesehen, jetzt aber, vor mir liegend, und er tut mir leid!

 

„Wirst du etwa sentimental auf deine alten Tage“, frotzelt Einstein tiefgründig.

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich