Bloginitiative
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Bis ins Mark getroffen

 

Die Fahrt in die Heide mit mulmigen Gefühlen. Sagen kann man viel, tippen per WhatsApp ebenso, wie aber wird die Stimmung tatsächlich sein, fragten wir uns.

Zuerst meine Frage: „Schachti, wie hat dir meine letzte Kolumne gefallen?“

„Da bin ich ja noch gut bei weggekommen!“

Verschmitzt lächelnd sein abschließender Kommentar: „Genug geredet. Es ist alles gesagt. Wir haben Mond. Bleibt solange sitzen, wie ihr wollt. Natürlich könnt ihr alles schießen, was erlaubt ist, auch Sauen!“

 

Nur zwei Kirrungen sind angenommen worden. Auf der Fahrt über die Waldwege das helle Knacken der kleinen Eicheln, die in Unmengen die Sauen zum Fressen verleiten. Auf den Feldern ist nichts mehr zu holen, keine Maiskolben, keine Kartoffeln, die Rübsen schmecken nicht so toll. Folglich werden wenige Sauen gefährtet, viel weniger als im letzten Jahr zu gleicher Zeit.

 

Wölfe? Mittlerweile halten sich 8 Rudel in naher Umgebung auf, zum Ärger vieler Schäfer.

Eine Bache führte im Juli 18 Frischlinge. Sie sind nicht mehr gesehen worden. Wo sind sie, die flinken Gestreiften, Leckerbisse für herumirrende, hungrige Wölfe?

Wohin haben sich die älteren Sauen verkrümelt? Liegen sie faul unter Farnkräutern, versteckt in der Nähe ihrer wenigen Suhlen, vollgefressen mit Eicheln, träge wegen der anhaltenden Trockenheit?

Ratlosigkeit bei vielen Jägern, auch, nachdem in vielen Revieren nur wenige Sauen beim Maishäckseln geschossen werden konnten.

 

Um kurz nach 21.00 Uhr soll der Mond aufgehen. Wolkenloser Himmel.

Die Sonne versinkt langsam hinter dem Hochwald, die Schatten der Kiefern ragen weit in die Wiese vor mir. Kurz vor 19.30 Uhr plötzlich links ein Stück Rehwild, mittelgroß, neugierig verspielt äsend. Kann nur ein Kitz sein, denke ich. Schachti hat wieder mal recht: „Zuerst kommen die Kitze, dann die Ricken“, hat er uns mit auf den Ansitz gegeben, „und Kitze werden grundsätzlich zuerst geschossen, nicht die Mütter!“

Es ist ein Bockkitz, bestätigt der Blick durch das Fernglas. Anlegen, entsichern, einstechen, der Schuss bricht, das Kitz steigt meterhoch gen Himmel und fällt nach wenigen Metern tödlich getroffen ins Gras.

Gott sei Dank, es liegt, jubele ich innerlich, einerseits traurig, weil es tot ist, andererseits froh, dass es nicht leiden musste.

Schachti versorgt das Bockkitz. Ich sitze weiter an, es könnten ja Sauen kommen.

Der Fast-Vollmond steigt höher, der Schatten meiner Ansitzkanzel wird geringer. Die vom Mond beschienene Grasfläche sieht aus, als ob frischer Schnee gefallen sei.

Nichts geschieht, rein gar nichts. Auch kein Rehwildschrecken aus dem Wald, kein Eichelhäherkrächzen, das vor einem heranschnürenden Fuchs warnen soll, nichts.

Gegen 3.30 Uhr in der Frühe hole ich Einstein ab. Sein Waidmannsheil–Gruß mir gegenüber kommt nicht nur ohne Neid, sondern aus dem Gefühl der Wiederherstellung unserer Ehre, da wir nach unserem Looser-Pech doch noch in der Lage seien, gut zu treffen, sodass  keine Nachsuche erforderlich sei.  

Er hat keinen Anblick von Wild gehabt, allerdings seine liebe Not, sich warm zu halten. Seine Knie und Hände sind eiskalt.

Ich habe meine Kanzelheizung ausprobiert und die Wärme genossen. Einsteins Entschluss steht fest, sich eine Heizung von seinen Kindern zum Geburtstag schenken zu lassen…

Zufrieden schliefen wir ein, Flo zwängte sich zwischen uns, oberhalb unserer Decken, nicht ohne Einstein und mir ein vertrauliches Nasenstupsen zu verpassen.

 

Weder die Kirrungen noch die Nutria-Falle waren angenommen. Gespannt saßen wir am nächsten Abend auf unseren Jagdeinrichtungen, Einstein in unmittelbarer Nähe zum Knesebach, ich auf meinem geliebten Ansitz an der Adamswiese. Geliebt deswegen, weil ebenerdig, mit ausreichend Platz für Flo und mich und keine 50 Meter vom Geländewagen entfernt!

Die Kanzelheizung brannte auf kleinster Flamme. Flo hatte sich auf seiner Decke neben mir eingerollt. Meine Urinflasche, extra im Sanitätshaus erstanden, stand griffbereit (ich hatte wieder Wassertabletten nehmen müssen!), genau wie die Büchse mit dem Rehwildkaliber. Ich hoffte, dass sich das zweite Kitz blicken lassen würde. Das erste hatte ich am Abend zuvor bereits erlegen können. „Da geht eine Ricke mit zwei mickrigen Kitzen. Wenn es geht, schieß alle drei!“ Schachtis Hinweis löste in mir wieder eine eigenartige Spannung aus, weil ein Auftrag auszuführen war.

Im letzten Büchsenlicht zerreißt ein Schuss die Stille. Das kann nur Einstein sein, denke ich. Gott sei Dank, endlich hat es bei ihm geklappt. Verstärkt wird der Gedanke, weil er 10 Minuten später nicht ans Handy geht. Er wird das Rehwild bergen, mutmaße ich. Er kann das ja noch, im Gegensatz zu mir, er hat keine Atemnot bei solchen Aktionen.

15 Minuten später der Anruf von Maik: „Silberlocke, komm zu Schachti, Einstein und ich sind dort!“  Mein „Warum?“ geht im Netz unter.

Einstein steht unter einem ihn fast umhauenden Adrenalin-Schock. Sprachlos sieht er zu, wie Maik und Schachti das an einem Galgen hängende Schmalreh in der Kühlkammer ausweiden und mit einem Wasserschlauch säubern.

„Waidmannsheil“ strahle ich Einstein an!

„Nein, nein“, stammelt er und zeigt tonlos auf Maik.

Überrascht blicke ich auf Maik und seine neben Einstein stehende Freundin Katrin.

Betreten lenkt Maik den Wasserstrahl in die Bauchhöhle des Tieres. Katrin hakt sich bei Einstein ein. Ich verstehe immer noch nichts. Gedankenblitze jagen mir durchs Hirn: Wieder danebengeschossen? Wieder die Looser? Der arme Kerl! Was ist los? Was passiert?

Mein fragender Blick löst die Starre in Einsteins Gesicht. Mit bebender Stimme kommt stoßartig:

„Ich sehe das Schmalreh, greife neben mich zum Gewehr. Es knallt furchtbar. Zu Tode erschrocken: Wieso der Schuss? Du hast das Gewehr doch gar nicht berührt? Zwei Schatten auf der Wiese. Wilderer? Angst steigt hoch, Gefahr im Verzug. Was mache ich mit Wilderern?  Lautstark krächze ich hinunter: Wer seid ihr? Maik ruft ungläubig von unten: Einstein?“

 

Einstein sinkt auf Schachtis Gartenstuhl. Der Schock lähmt ihn immer noch. Still hört er zu, wie Maik und Katrin berichten, dass Maik mit seiner Freundin, die demnächst den Jagdschein machen wird, auf der Pirsch in diesem Revierabschnitt war. „Ich wusste nicht, dass Einstein auf dem Hochstand saß. Ich sah das Schmalreh, merkte, dass es gleich über den Knesebach ins Nachbarrevier springen würde und schoss.“

„Als ich die fragende Stimme aus dem Off hörte, hätte ich fast einen Herzinfarkt bekommen!“, äußert Katrin, die mittlerweile wieder lachen kann, geborgen in den Armen ihres Maik.

 

Es bleibt Einstein auch wirklich nichts erspart, dachte ich, als wir mit Flo im Gasthof ankamen, ein alkoholfreies Bier tranken und Flo zusahen, wie sie sich über ihre Leckerlies hermachte.

 

Katrin und Maik, zwei, die die Welt des Waldes lieben.

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© Bloginitiative Peter Weidlich