Bloginitiative
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Das kann ich noch alleine

Einstein und ich ließen uns vom Erlebnispark EDEKA zum Wocheneinkauf animieren. Flo saß in ihrer Hütte im Auto, preßte ihre Nase an den Spalt zwischen Fenster und Dach und begrüßte vorbeieilende Hunde mit aggressiven oder total liebevollen Kommentaren.

 

Ich war mit dem Einkaufen bereits fertig, hatte die Tortur an der Kasse hinter mir und saß an einem der Tische der Stadtbäckerei bei einem Pott Kaffee und einem kleinen Stück Kirschstreussel. Einstein hatte mal wieder jemanden getroffen, mit dem er politisieren konnte. In diesem Fall, so hatten wir verabredet, sollte ich es mir an der Kaffeebar gemütlich machen.

 

Eine etwas ältere Dame wollte das Tablett mit einem Pott Kaffee, einem großen Stück 'Frankfurter Kranz' und einer kleinen Tüte mit zwei Brötchen zu ihrem Tisch tragen. Am linken Arm baumelte eine Handtasche, die sie wohl nicht ohne Aufsicht am Tisch lassen wollte.

Ich beobachtete, wie sie das Tablett mit der rechten Hand anhob, ihre Handtasche zur Seite schiebend.

"Darf ich Ihnen helfen?", fragte ich, um einer drohenden Katastrophe vorzubeugen.

"Das kann ich noch alleine", antwortete sie mit einem freundlichen Augenaufschlag.

Ich sah ihr leicht geschminktes Gesicht, die andeutungsweise bläulich gefärbten Augenlider, die Kurzwellen ihres grauweißen Haupthaares, suchte vergeblich nach tieferen Falten: Kurz, ein erfreulicher Anblick, der das tatsächliche Alter der Dame verschleierte.

Gelassen trug sie das Tablett an ihren Tisch, ordnete Tasse, Kuchenteller, Kuchengabel und Kaffeelöffel so an, dass sie alles ohne etwas umzustoßen erreichen konnte, streckte sich kerzengerade und begann, ihren Kuchen zu genießen.

Ihren Einkaufswagen hatte sie zwischen sich, dem nächsten Tisch sowie dem Gang platziert. Sich mit an ihren Tisch setzen zu können, schien daher unmöglich.

Ihre Antwort, es noch allein zu können, brachte mich zum Nachdenken:

Befürchtet sie, dass man ihr eine bestimmte Geschicklichkeit aufgrund ihres Alters nicht mehr zutrauen würde? Steht sie nicht zu ihrem Alter? Welche Erfahrungen hat sie gemacht, mehr schlechte als gute? Lebt sie allein, genießt sie diese Autonomie oder fühlt sie sich einsam?

Ihre ganze Erscheinung signalisierte, jung genug und Herr ihrer Gefühlswelten zu sein!

Ihre kerzengerade Sitzhaltung, ihre Abgrenzungsmentalität mittels Einkaufswagen, die präzise Gestaltung der Kaffeetafel unterstrichen ihre Bemühungen, nicht mit dem Gros der Rentnerinnen in einen Topf geworfen zu werden.

 

Sie imponierte mir.

 

Während ich meinen Kaffee trank, nahm ich mir vor, sie anzusprechen, wenn ich mein Tablett zum Wagen gebracht hätte.

Gesagt, getan.

"Wissen Sie", so sprach ich sie an, mich über den Einkaufswagen beugend, "ihr Satz, das kann ich noch allein, dieses 'NOCH' hat mich gedanklich beschäftigt."

"Ja, was meinen Sie denn, als ältere Dame wird man immer ein wenig bemitleidet und manche meinen, helfend eingreifen zu müssen. Das ist ja ganz schön, aber zeigt auch, wie schnell es bergab geht."

"Sie denken das in Ihrem Alter?"

"Was meinen Sie denn, wie alt ich bin?"

"Soll ich kokettieren oder sagen, was ich wirklich denke?“

"Raus mit der Sprache!"

"Ich schätze etwa 65!"

"82 bin ich!"

Das haute mich um. Sie lächelte, ich wusste nicht, ob ich lachen oder mich aufgrund meiner Verschätzung schämen sollte.

 

Als sie ihren Einkaufswagen fröhlich lächelnd an mir vorbei schob, konnte ich ihr nur noch hinterher sagen: 

"Donnerwetter. Ihnen einen schönen Tag!"

 
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© Bloginitiative Peter Weidlich