Bloginitiative
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Ein Wochenende im Krankenhaus

Eingeliefert

 

Flo ist gut versorgt. Sie hält Werner und Marita tagsüber auf Trapp, morgens bringt Gunthi sie zu ihnen, sie darf das Flöchen nicht mit zur Arbeit nehmen, abends holt sie sie wieder ab.

Einstein hätte sie auch verwöhnt, kann sie an diesen beiden Tagen nicht zu sich nehmen, weil er selbst einen Date in der Uni-Klinik hat.

 

Donnerstagabend noch allein im Krankenzimmer, Zweibett-Zimmer. Ich habe keinen Bock auf ein Dreier-oder Vierer-Zimmer. Das ist schon so etwas wie „Privat“, allerdings ohne Chefarzt-Buchung. Der Oberarzt hat auch Ahnung: Die neuesten Blutproben haben keinen ‚kleinen Herzinfarkt‘ bestätigt, der allzu hohe Blutdruck will medikamentös  besser eingestellt werden.

 

Gegen 22.00 Uhr wird Berthold in einem Rollstuhl hereingefahren. Seine Frau, sein Sohn und eine seiner Töchter sorgen dafür, dass die eilig zusammengepackten Utensilien richtig verstaut werden.

Stark erhöhter Blutdruck und Schmerzen in der Brust haben den herbeigerufenen Notarzt veranlasst, ihn samt Rettungswagen in die Notaufnahme des Mathias-Spitals zu bringen. Nach der Erstversorgung Aufnahme auf der Station 3E, Zimmer 378.

Verabschiedung der Familie, ein kurzes Einander-Vorstellen.

Er sei noch total aufgewühlt, sagt er, könne noch nicht schlafen. Das gekippte Fenster sei gut. Er erzählt, was er alles erlebt hat. Gegen 1.00 Uhr ist Bettruhe angesagt.

Die Zuzahlung „Zweibett-Zimmer“ umfasst „Genießer-Frühstück“ (mit Rührei, Lachs, Käse, geräuchertem Schinken, Brötchen, Honig-Melonenstücken, Butter, Marmelade),

Tageszeitung, Fernsehen, WLAN, Kaffee und Tee mit Plätzchen nach Belieben, frisches Obst, schmackhaftes Mittagessen und abwechslungsreiches Abendbrot nach eingehender Beratung, stets gut gelauntes Zusatz-Personal und bietet somit bereits die beeinflussbaren Voraussetzungen für eine gelingende Genesung.

 

Wenn es nicht die Zufälle gäbe, die zum Nachdenken anregen, Zufälle, die sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Menschen ergeben und Reaktionen erzwingen:

 

Kommunion

 

Freitagmittag fragt eine Schwester, ob wir die Kommunion am Sonntag nach der Eucharistiefeier empfangen möchten.

Berthold will wohl, so scheint es, schüttelt dann aber den Kopf.

Möchte ich? Eigentlich schon.

Ein Gedanke blitzt auf, der meine Entscheidung zu beeinflussen droht: Hat der Priester, der sich segnend den Gläubigen zuwendet, auch Kinder verführt, misshandelt, Frauen erniedrigt und ihrem Schicksal überlassen?

Gehört er zu denjenigen, die Tausende Menschen zu Opfern ihrer Triebe gemacht haben und damit die Glaubwürdigkeit ihrer Funktion als Vertreter Gottes auf Erden ad absurdum geführt haben? Gehört er zu denen, die, im Gegensatz zu den Opfern, vom Klerus geschützt wurden, indem ihre Freveltaten unter den Tisch gekehrt wurden?

 

Du darfst nicht alle Geistlichen unter diesen infamen Generalverdacht stellen, sagt mein Gehirn, klopft mein Herz, weil du Priester erlebt hast, die sich nicht an Kindern oder Frauen vergangen haben, weil es unendlich viele Geistliche gibt, die gemäß ihrer Berufung Seelsorger sind.

Also: Ja, ich möchte die Kommunion erhalten, ich möchte das Angebot trotz allem annehmen.

Es klappte aber nicht, man hatte es am Sonntag wohl vergessen.

 

 Kopftuch 

 

Freitagnacht gegen 21.30 Uhr geht die Tür auf. Eine Schwester begrüßt uns mit den Worten, die Nachtschwester zu sein und fragt, ob wir noch etwas benötigen. Ich blicke ihr ins lachende Gesicht. Meine Miene versteinert:

Sie trägt ein Kopftuch.

 

Dieses Kopftuch zwingt mich, wieder einmal über das nachzudenken, was Frau Dr. Necla Kelek als Islamkennerin zum Kopftuch gesagt hat.

In Istanbul geboren, kam sie im Alter von 10 Jahren nach Deutschland, hat in Hamburg und Greifswald Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema „Islam im Alltag“ promoviert.

 

Leila Donner-Üretmek, Referentin des Bundesinnenministeriums, Teilnehmerin der Islamkonferenz, interviewte sie am 14.4.2009 zum Thema:

„Das islamistische Symbol:  Kopftuch“.

 

Keleks Kernaussage ist:

„Inzwischen ist das Kopftuch ein politisches Symbol einer muslimischen Identität, die sich aus religiösen, traditionellen, patriarchalischen Motiven von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt.“

 

Egal, aus welchen Gründen die Nachtschwester das Kopftuch trägt, ob aus religiösen Gründen, ob sie vom Mann oder der Familie gezwungen wird, sie beugt sich bestimmten Zwängen.

Und wenn der Zwang als Freiheit empfunden wird, ist das das Ende von Freiheit.

„Wo aber die Freiheit zu Ende ist und Zwang regiert, da ist Widerstand nicht mehr möglich.“

(Zana Ramadani, „Die verschleierte Gefahr“, S.104)

Einen Abend später will ich sie fragen, warum sie das Kopftuch trägt, zumal ich keine sexuellen Avancen hege, wenn ich ihre Haare oder Teile ihres Körpers sehe, im Gegensatz zu muslimischen Männern, die in Frauen „Schlampen“ sehen, wenn sie nicht züchtig verschleiert sind oder wenigstens mittels Kopftuch Haar und Dekolleté verdecken.

Vielleicht wäre es gut, ihr zu sagen, dass es mich befremdet, wenn ich darüber nachdenke, dass sie von unseren Transferleistungen lebt, eine Ausbildung absolvieren kann, mit ihrem Kopftuch aber signalisiert, eine bessere Gläubige zu sein als wir Ungläubigen und sich daher nicht integrieren will, assimilieren kann, wie Erdogan fordert.

Ich traue mich nicht, sie zu fragen.

Ich will sie nicht verunsichern, nicht verletzen, also schweige ich.

Da wir alle schweigen, aus falsch verstandener Toleranz, werden wir mitschuldig sein, wenn die Mehrheit unserer Gesellschaft muslimisch ist und die Scharia unser Grundgesetz ersetzt.

Verschwörungstheorie? Rassismus? Darf ich diese Angst und Ablehnung nicht äußern? Sie entstehen, wenn ich die Dame mit Kopftuch sehe.

Ich werde gezwungen zu schweigen, weil meine Fragen als Rassismus ausgelegt werden könnten. Und was ist mit dem Gedanken: Keine Toleranz der Intoleranz?

 

Kreuz weg

 

Samstagvormittag. Eine Zweit-Schwester kommt zum Blutabnehmen ins Zimmer gerauscht, kurz vor dem Mittagessen. Blut-Zuckerwert-Bestimmung.

„Schwester“, fordere ich mit angeekeltem Tonfall, „hängen Sie das Kreuz ab. Ich kann es nicht sehen. Es macht mich nervös und krank!“

Die Schwester zuckt zusammen, schaut zum Korpus losen Holzkreuz an der Wand neben dem Fernseher und erwidert:

„Ja, wenn Sie das nicht haben können, bringe ich es in den Abstellraum!“

„Schwester“, stöhne ich entsetzt, „das ist nicht Ihr Ernst. Wir sind hier im Mathias-Hospital, eine katholische Stiftung! Wenn ich das Kreuz nicht ertragen kann, muss ich gehen, und nicht das Kreuz! Keine Toleranz der Intoleranz!“

Berthold nickt zustimmend.

„Ja, aber, wenn…“, flüstert sie erleichtert und sucht den Piekser. Das Messgerät schluckt den Blutstropfen und zeigt den Wert.

„Schwester, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ich bitte Sie um eine ganz ehrliche Antwort!“

„Ja klar“, antwortet sie, wieder gefasst und neugierig.

„Als die Kopftuch-Schwester hier angefangen hat, was haben Sie wirklich gedacht?“

„Das geht gar nicht, war meine erste Reaktion. Die anderen Schwestern haben auch schief geguckt. Aber, weil sie immer lacht und nett ist, haben wir uns daran gewöhnt!“

 

Inderin

 

Nach dem Genießer-Frühstück am Samstagmorgen huscht eine kleine Person mit weißem Kittel und einem Stethoskop um den Hals an mein Bett.

Sie sieht, wie eine Schwester die Manschette eines 24-Stunden Blutdruckmessgerätes um meinen linken Arm strafft und eine zweite das Telemetrie-Gerät anbringt, das wie ein EKG die Herztätigkeit aufzeichnet, mich aber auch an die Station bindet. Ein Spaziergang durch das Krankenhaus zur Cafeteria oder in den Park ist daher nicht möglich. Die Reichweite reicht nicht, die Übertragung auf den Monitor im Schwestern-Zimmer würde unterbrochen werden und damit Alarm auslösen.

„Ich komme gleich zu Ihnen“, flötet die kleine Person und verschwindet mit wehendem Arztkittel.

Keine halbe Stunde später steht sie an meinem Bett und fragt:

„Warum sind Sie hier? Erzählen Sie mal!“

„Haben Sie meine Akte nicht gelesen?“

„Doch, aber ich möchte alles von Ihnen persönlich hören. Das ist mir wichtig!“

Diese Aussage trifft und bestraft mich zugleich, weil sie ehrlich scheint und meinen Akten-Hinweis als Frechheit entlarvt. Sofort empfinde ich Nähe zu ihr.

Sie hört meiner Schilderung genau zu.

Als ich sie frage, woher sie stamme, schaut sie mich intensiv an, überlegt kurz und dann sprudelt es heraus:

„Indien. Habe hier in Deutschland studiert. In meiner Heimat Frau soll nicht studieren. Mein Freund ist auch Arzt. Er ist in London. Er gehört zu einer höheren Kaste, ich zu einer niedrigeren. Seine Eltern wollen nicht, dass wir heiraten. Ich bin vier Jähre älter als er. Das ist zweites Problem. Seine Mutter befürchtet, dass er von mir unterdrückt würde, weil ich älter bin und als Ärztin in Deutschland arbeite. Außerdem bin ich nicht leise und bin dem Mann nicht ehrfürchtig ergeben, wie seine Mutter sich das wünscht…“

 

Ihr Blick schweift ab in die Ferne. Trotzig verstohlen wischt sie sich über die Augen.

Wie viele Tränen sie schon geweint haben wird, überlege ich betroffen  und wundere mich über ihre Offenheit, die ihre Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit offenbart.

 

„Ich spreche mit dem Oberarzt über das Herz-Echo und das 24-Stunden-EKG“, entscheidet sie, mir wieder zugewandt, berührt fast streichelnd, beruhigend meinen Oberarm und lächelt, als sie das Krankenzimmer verlässt.

 

Wie gut, dass es Wikipedia gibt, denke ich, als ich mich über das Kastenwesen und den Glauben der Hindus informiere. Je mehr ich lese, desto schriller läuten die Alarmglocken, die mir signalisieren:

Alles ist von Menschen erdacht, nicht unbedingt zu ihrem Wohl, eher zum Wohl der oberen Zehntausend, verbunden mit dem Ziel, die Untertanen, besonders die Frauen,  klein, dumm und ohnmächtig zu halten, um die Herrschaft des Mannes zu festigen. Kommt mir irgendwie bekannt vor, siehe katholische Kirche!? Alles eine Frage der Macht und Unmenschlichkeit – wieder im Namen von Göttern oder des Gottes?

 

Professionalität

 

Samstagabend, gegen 21.15 Uhr. Oberschwester Astrid, bereits  54 Jahre im Leben stehend, schlank, energiegeladen, manchmal schwermütig blickend, will die Batterien des Telemetrie-Messgerätes auswechseln, das in einem Säckchen vor Bertholds Brust hängt.

Die Telemetrie hier auf der Kardiologie sendet die Stromkurvenverläufe an einen im Schwesternzimmer stationierten Computer. Schwerwiegende Rhythmusstörungen werden per Alarmsignal sofort gemeldet.

 

Berthold, bereits 75 Jahre alt, fasst sich plötzlich an die Brust, ringt nach Luft und flüstert ängstlich:

„Ich muss mich hinlegen. Mir tut alles weh, der linke Arm!“

Astrid reagiert blitzschnell, professionell, „cool“, wie Berthold später sagt.

 

Das Wechseln der Batterie im Eiltempo. Das Messgerät ist wieder einsatzbereit. Blutdruckmanschette um den rechten Arm. Beruhigende Worte. Griff zum Haustelefon. Infos an den diensthabenden Arzt. Leise Anweisung an eine herbeieilende Zweitschwester. Das angeforderte Mittel wird innerhalb einer Minute gebracht. Kontrolle. Aus der Ampulle in eine Spritze gezogen. Die Spritze in den Zugang gesteckt und der Inhalt hineingedrückt. Gleichzeitige Info über die Menge an den am anderen Ende des Telefons wartenden Arzt.

Drei Minuten später erscheint der Arzt. Nickt der Oberschwester aufmunternd zu. Sie pumpt die Manschette wieder auf. „Der Druck sinkt“, reagiert der Arzt.

Sie streicht Berthold beruhigend über die Stirn.

„Geht’s Ihnen besser?“

„Ich glaube ja, die Brustschmerzen sind fast weg!“

„Ich muss mal dringend!“ „

Sie sollten jetzt nicht aufstehen. Ich bringe Ihnen eine Flasche.“

Bertold erledigt sein kleines Geschäft, sichtlich erleichtert.

Astrid räumt Liegengebliebenes auf.

„Wie konnte das passieren“, fragt er. Astrid antwortet, dass die Ursache genau überprüft werden würde.

„Jetzt können wir wieder jede Veränderung am Monitor sehen und sofort eingreifen. Machen Sie sich keine Sorgen! Die Nachtschwester hat jetzt Dienst. Ich trage alle Daten in Ihre Datei und fahre dann nach Hause!“

Während Astrid uns den Rücken zukehrt, sich ihrem fahrbaren Terminal zuwendet und die Daten über die Tastatur in den Computer hämmert, rufe ich ihr anerkennend zu:

„Schwester, das war absolut professionell, wie Sie reagiert haben. Wirklich toll.“

Sie dreht sich zu mir herum und lächelt.

Auch Berthold bedankt sich bei ihr, als sie uns beiden eine gute Nacht wünscht.

 

Am Montagmittag schneit der Oberarzt ins Zimmer. Er erklärt Berthold die folgende Medikation und wendet sich im Eilverfahren an mich, so quasi im Hinausgehen:

„Ihre Blutwerte sind in Ordnung. Das Herz-Echo auch. Das Belastungs-EKG zeigt nichts Besorgniserregendes. Sie können nach Hause. Wir machen die Papiere für den Hausarzt fertig. Ihnen alles Gute“.

Das war‘s, denke ich, als der kahlköpfige, stets verschmitzt lächelnde Oberarzt mich aus heiterem Himmel fragt:

„Mal unter uns, wie viele Zigaretten rauchen Sie am Tag?“

Total perplex antworte ich, dass ich bereits seit 1988 nicht mehr rauchen würde.

„Wirklich? Ich dachte, sie wären des Öfteren nach draußen gegangen, um zu rauchen!“

"Nein, die Cafeteria hat mich nur gelockt!"

„Tschuldigung. Dann alles Gute Ihnen!“

 

 

Gegen Mittag bringt mir die indische Ärztin die Papiere. Ich bitte sie um ein Foto und die Erlaubnis, über sie zu schreiben und ihr Foto auf meiner Web-Site zu veröffentlichen.

Sie ist einverstanden. Lächelnd.

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© Bloginitiative Peter Weidlich