Bloginitiative
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In Obhutnahme

„Wohin mit Flo, wenn wir in der Oper sind?“ 

Ich sehe meine Frau Gunthi fragend an.

„Och“, antwortet sie leichthin, „da gibt es mehrere Möglichkeiten! Entweder zur Nachbarin, ihre Tochter Sophia wird sich freuen, oder zu Einstein, den kennt sie ja gut. Wenn alle Stricke reißen zu Henning, den kennt sie ja auch!“

 

Zweifel plagen mich, trüben meine Stimmung, trotz des  geilen Eintopfs am Samstag-Mittag:

Ob die Nachbarin ihrer Tochter erlaubt, dass Flo die eine Nacht in ihrem Bett nächtigen darf? Wohl kaum!

Henning hat Fine, eine fünfjährige Bernhardiner-Hündin, die stark und selbstbewusst ihr Territorium samt Familie verteidigen  und keine Nebenbuhlerin dulden wird, mag sie noch so aus menschlicher Hinsicht süß oder pflegeleicht sein! Und Einstein? Seine Tochter hat ihr 6 jähriges Töchterchen, das sich zu gern bei Opi einkuschelt, und zwei große Hunde, die Flo schnell zeigen, wer dazu gehört und wer nicht!

 

Die Reste des Eintopfes, Möhren, Kartoffeln, Erbsen, Wurststücke, angefüllt mit Gemüsefonds, landen in Flos Keramik-Näpfchen.

Flo schnuppert freudig erregt, ihre kleine Zunge zieht schreckhaft zurück: Zu heiß!

Erstaunt dreht sie sich zu mir, als wollte sie mir sagen:

„Die Fläschchen für deine Kinder hast du früher auch gekühlt, warum nicht heute?“

Mal sehen, was sie macht, meine kleine, hungrige Hündin, denke ich und beuge mich über meine Tasse Kaffee.

Ein kurzes Bellen, zwei Schritte vom Napf weg. Wieder ein mehr klagendes, bellendes  Erinnern.  Zurück unter meinen Stuhl, kurzes Berühren meiner Wade, aufreizendes Gähnen mit unterstreichendem Kurzlaut. Bewegung Richtung Napf, anklagendes Bellen, doppelt, noch lauter, bestimmender, mit klarer Ansage: „Mach es kalt!“ 

Tatsächlich nehme ich den Napf, kippe den Inhalt in ein Sieb, lasse kaltes Wasser darüber laufen und gebe den nun gekühlten Eintopf zurück in den Napf.

Selten hat Flo ihren Napf so gründlich geleert und ausgeleckt, wie jetzt! Eine halbe Stunde später fordert mich ein leises, hingehauchtes Bellen auf, die Terrassentür zu öffnen, da Flo mal kurz in den Garten möchte.

Sie hat mich eben voll im Griff!

 

Schlagartig wird mir klar, dass meine Flo-Hündin Schwierigkeiten haben würde, wenn wir sie bei „Fremden“ parken, sei es auch nur für knappe zwei Tage, einschließlich der Nacht. Wird sie sich wohlfühlen, wenn sie nicht, wie gewohnt, als „Enkelersatz“ verwöhnt wird, wenn sie nicht die erste Geige spielt, wenn ihre Bedürfnisse aufgrund mangelnder Kommunikationsbereitschaft unerfüllt bleiben und wenn sie nicht gemäß ihrer vermeintlichen Bestimmung den Kaninchen nachstellen kann?

 

Vom Frühjahr bis zum Herbst  tummeln sich 20/30 Wildkaninchen jeder Generation in unserem kleintiergerechten Garten.

Schlimm genug, dass Flo dem sorglosen Treiben der Kaninchen durch die Glastüren zusehen und sich manche „lange Nase“ oder manchen „Mittelfinger“ zeigen lassen muss und oftmals keine Zeit hat, ausgiebig zu speisen, sobald die Terrassentüren offen stehen.

Im Gegensatz zu den Lapuzen, die alle gutriechenden Blumen und die Blätter der tiefhängenden Trauerweidenzweige bis auf achtzig Zentimeter Höhe kahlfressen!

Leider wird die Anzahl der putzigen Tierchen im Herbst durch unterschiedliche Seuchen, wie die ‚Blutungskrankheit‘, landläufig als Chinaseuche oder RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease) bekannt, oder die Kokzidiose bis auf drei oder vier immune Altvorderen gnadenlos dezimiert. Jedes Jahr das Gleiche!

 

Im Laufe der Jahre hat sich Flo, mittlerweile im vierzigsten Hundealter,  raffinierter Jagdtechniken bedient, um Jungkaninchen packen und mit einem Biss töten zu können.

Sie setzt sich an den Rand des kleinen Zierteiches, tut so, als ob sie dem Treiben der Goldfische zuschauen würde, ohne das spielerische Herumtollen der kleinsten Jungtiere aus den Augen zu verlieren und weiß, dass die geringste Bewegung sie und ihre Absicht verraten würde.

Dann ein kurzer, pfeilschneller Sprint. Das Kleine findet den Eingang zur Röhre nicht. Ein gewagter Sprung, ein kurzer Biss, das Tier quietscht nicht, wie seine Stofftiere, streckt sich, lässt Köttel fallen und wird als Beute Herrchen vor die Terrassentür gelegt.

So leid mir die Jungtiere tun, aber, ausschimpfen darf ich Flo nicht: Schließlich hat sie gemäß ihrer jagdlichen Gene gehandelt!

 

Jetzt, im Winter, gibt es in jagdlicher Hinsicht nicht so viel zu tun, wie gesagt, wegen der Seuchen, allerdings muss man als Chefin Präsenz zeigen.

Tagsüber ist ein besonders schmackhaftes Fresschen angesagt, am liebsten dargereicht von Herrchen. Entweder als Handfütterung aus der Hundefutterdose oder von Herrchens Mittagsessen. Ein kurzer Stuppser mit der Vorderpfote, mit gestrecktem Körper auf senkrechten Hinterläufen,  erinnert daran, dass ein Geben und Nehmen Freundschaften festigt.

 

„Es bleibt nur Einstein, dem ich Flo anvertrauen kann“, erkläre ich Gunthi, „denn er hat sie in der Heide oft erlebt, auch im Hotel, auch im Doppelbett zwischen uns alten Männern! Was er anfangs überhaupt nicht leiden konnte“, erläutere ich zusätzlich, „nimmt er heute mit stoischer Ruhe hin, insgeheim übermannt von seinen Empfindungen für Flo!“

 

Dieses vierbeinige, kleine, quirlige  Geschöpf weiß genau, warum es am frühen Morgen zielgesteuert auf den noch tief schlafenden Einstein springt und ihn mit einem Nasenstüber weckt, weil Herrchens tierische Stöhner nach der heißen Dusche gegen den eiskalten Wasserstrahl nicht nur Flos Mitleid erregt, sondern auch Einsteins Anteilnahme herausfordern soll. Die Duschkabine innerhalb des Zimmers sorgt jedenfalls für ein allmorgendliches Drama, das keiner vermissen möchte.

 

Als Einstein auch noch zusagt, dass seine Tochter, wenn sie ihn mit seinem Enkelkind besuchen käme, ihre beiden Hunde zuhause lassen würde, weiß ich, dass Einstein Flo genauso versorgen wie verwöhnen würde wie meine Frau und ich.

 

Seltsam, als Sarastro aus vollem Herzen im tiefsten Bass singt:

„Dann wandelt er an Freundes Hand vergnügt und froh ins bess’re Land“,

muss ich an die wenigen Freunde denken, die meine Frau und ich haben, eben auch an Einstein, der auf meine Frage, wie es mit Flo war, lapidar antwortet: „Jederzeit wieder!“

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich