Bloginitiative
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Sein zweiter Vorname ist Lederstrumpf

Astrid, Schachtis Frau, lächelte hintergründig wissend, als sie das sagte.

Lederstrumpf, dachte ich, Lederstrumpf ist gar nicht so abwegig bei all‘ dem, was wir bisher mit Schachti erlebt haben. Wie im „Letzten der Mohikaner“ oder im „Pfadfinder“ wird Lederstrumpf als kühner, furchtloser Jäger dargestellt, genau wie Schachti heute, dem Wald und Himmel ein offenes Buch sind, dem jeder Laut, der die Stille des Waldes unterbricht, jeder abgeknickte Zweig und jede Fährte geheimnisvolle Vorgänge offenbart.

Seine unaufdringliche Herzensgüte hatten wir erlebt, ebenso seine Aufrichtigkeit, Tugenden, die auch Lederstrumpf auszeichneten.

 

Irgendwie kamen wir wegen der seit vielen Monaten anhaltenden Trockenheit auf das Thema Regen zu sprechen, in diesem Zusammenhang auf die Wünschelruten-Gänger, von denen es sicherlich viele Scharlatane geben würde, vermuteten Einstein und ich, die sich esoterischer Gefühlsduseleien bedienten.

Schachtis  durchdringender Scharfblick machte mich stutzig.

Astrid unterstrich, dass mehr als 100 erfolgreiche Einsätze ihres Mannes auch im Auftrag der Feuerwehr als Rutengänger kein Hokuspokus sein könne!

Das interessierte uns, das wollten wir erleben.

Tatsächlich, Schachti erklärte sich bereit, uns seine Fähigkeit des Wasseradersuchens zu demonstrieren.

Aus einem Haselnuss-Busch schnitt er eine Gabel, spitzte die Enden mit einem Messer an und umfasste die Gabelenden mit seinen nach außen gedrehten Handflächen. Ich schritt neben ihm über den Rasen, ihn und seine Handflächen genau beobachtend. Das Video sollte als Beweis dienen. Der Gabelhals bog sich nach unten...

„Kann ich das auch?“

„Versuch es. Du wirst sehen, ob es bei dir klappt oder nicht!“

Ich nahm die Wünschelrute in beide Hände, bog die Gabelenden und meine Handgelenke nach außen. Langsam schritt ich über den Rasen. Nichts passierte. Schachti ging direkt links neben mir und drückte auf einmal den Daumen seiner rechten Hand auf meinen linken Unterarm nahe des Handgelenks.

Plötzlich bewegte sich der Gabelstiel mit aller Macht nach unten. Ich hielt die beiden Gabelenden fest, so fest, dass ich nach etwa zwei Minuten loslassen musste, da die Handflächen tierisch schmerzten. Ungläubig sah ich Schachti an. Er sagte nichts.

Nun wollte es Einstein wissen.

Die gleiche Prozedur. Schachti allerdings griff nicht ein wie bei mir. Auf meine Frage, warum nicht, bekam ich keine Antwort.

Vielleicht ist Einstein zu rational-kritisch  gepolt, folglich kein gutes Medium, dachte ich. Er hatte ja auch davon berichtet, dass Hypnotiseure  bei ihm keinen Erfolg gehabt hätten. Wozu er der Hypnose bedurft hätte, fragte ich lieber nicht.

Immer noch nachdenklich und angespannt saß ich Astrid und Schachti gegenüber.

Schachti sah mich belustigt an, zunächst aus hellblaugrauen Augen.

Plötzlich wich der aus ihnen sprühende Schalk, sie wurden glanzlos und starr. Die Augenlider weiteten sich. Der Mund mutierte zu einem Strich. Mit bebender Stimme flüsterte Schachti:

„Ich kann noch viel mehr als das. Bleibt mein Geheimnis!“

Mein spontaner Versuch, ihn zum Reden zu bringen, sein Geheimnis zu lüften, scheiterte kläglich an seiner Argumentation:

„Das gibt es nicht, das kann keiner. Das nehme ich mit ins Grab!“

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter, vor allen Dingen, weil seine Aussage nichts Theatralisches an sich hatte, wahr zu sein schien und unendliche Mutmaßungen zuließ. 

Der für mich entscheidendsten Frage, ob er in die Zukunft schauen könne, wich Schachti mit regungslosem Gesichtsausdruck aus.

Schweigend suchten seine Augen, mittlerweile wieder strahlend und voller Energie, das Gesicht seiner Frau, um ihre unbewussten Reaktionen zu erkennen, die meine Frage an sie erzeugen würden:

„Hat er dir sein Geheimnis anvertraut?“

Sie lächelte liebevoll  und nickte kaum merklich.

 

Was für eine Liebe, dachte ich in diesem winzigen Augenblick …  und fühlte mich den beiden sehr nahe.

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich