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Lucullus Center

Trotz seiner Infusionen ist Einstein gut zu Fuß, jedenfalls besser als ich. Die Aufgabenverteilung ist daher verständlich, und kommt mir sehr gelegen:

Ich fahre die Lokalitäten an, an denen das Wild, besonders die Sauen, gourmetartig versorgt werden: Eine Schippe Maiskörner, versteckt unter größeren Steinen, kleinen Holzkisten mit steinbeschwerten Deckeln, damit die Sauen mit ihren Frischlingen oder Einjährigen auch etwas zu tun haben. Auch, damit der Jäger, der auf dem Hochstand eingeschlafen ist, das Poltern und Schmatzen und Grunzen hört.

Einstein, Flo und ich haben die Aufgabe übernommen, die Kirrungen abzufahren, sie falls nötig zu beschicken und über die WhatsApp-Gruppe Bescheid zu geben, welches Lucullus-Center angenommen worden sei.

Wir fahren acht Kirr-Stellen ab, bei 26 Grad Celsius. Wenn Einstein nicht schnellstens die Türen schließt, wenn er aussteigt und aus dem Kofferraum den Eimer mit den Maiskörnern holt, wimmelt es blitzschnell von Bremsen und Mücken im Auto.

Wir sind bei drei Kirrungen in dem Waldgebiet, dass ich als Kind und Jugendlicher wie meine Westentasche kennengelernt und erobert habe. Eigentlich müssten einige Bäume mich wiedererkennen; es sind zwar 60 Jahre her, aber einige Teile des Waldes sind noch wie früher. Damals habe ich als 15-jähriger die tiefen Trecker-Spuren auf genau den gleichen Waldwegen eingeebnet, mit Hacke und Spaten, mitten im Sommer, mit freiem Oberkörper, komplett mit Mücken bedeckt, gepiesackt von den gewalttätigen Bremsen. Heute noch machen mir Mückenstiche kaum etwas aus!

Einstein allerdings schlägt um sich, wenn er durch das Gras zu den Kirr-Plätzen stiefelt, ein wenig wackelig auf den Beinen, wegen der sichtbaren und unsichtbaren Zweige und Schlaglöcher, und wütend auf die Mücken, die ihn als willkommenes Opfer betrachten. Dann stört es ihn, dass er nicht, wie hoch oben auf dem Hochstand, mit seinem Zigarillo-Rauch die Biester vertreiben kann: Im Wald darf nicht geraucht werden, wegen der Brandgefahr. Und, Einstein hält sich daran! Chapeau!

Der Besuch am „Heuwender“, ein kleiner Ansitz auf einen alten Heuwender geschraubt, erinnert Einstein und mich an Finnland: Lichter Baumbestand, Kiefern, vereinzelte Eichen, als Unterholz ausgedehnte Flächen von Blaubeeren und Preiselbeeren.

Einstein kommt von der Kirrung zurück, stellt den Eimer mit dem Rest-Mais in den Kofferraum und sagt: „Mach die Hand auf!“ Auf meine geöffnete Handfläche  kullern 12 kugelrunde kleine Blaubeeren. Statt sie sofort in den Mund zu stecken, werfe ich sie intuitiv aus dem Fenster.

Sekunden später wird mir klar, wie sehr ich ihn verletzt haben muss. Mir ist mein Verhalten unerklärlich, und, im Gegensatz zu meiner Natur,  schweige ich, statt mich zu entschuldigen.

Einstein sagt nichts. Ich überlege fieberhaft, was die Gründe für mein Verhalten sein könnten. Ich suche nach Erklärungen, Entschuldigungen: Blaue Zähne? Blaubeeren ohne Zucker?  Diabetiker? Die Deutungsversuche taugen nichts!

Einige Stunden später erklärt Einstein, dass ihn meine Reaktion enttäuscht und verletzt habe. Ich schäme mich, bezeichne es als eine Kurzschlusshandlung, vielleicht weil ich mir angewöhnt hatte, keine Zwischenmahlzeiten einzunehmen, wegen der Insulin-Spritzerei.

Diese Erklärung kann Einstein nachvollziehen.

Aber, je mehr ich darüber nachdenke, desto intensiver meldet sich mein Unterbewusstsein: „Peterle, alles muss vorher gewaschen werden, was du im Wald findest und essen willst. Pilze, Beeren, Sauerampfer. Der Fuchsbandwurm, weißt du, ist für Menschen tödlich!“  Das hatte unsere Mutter uns Kindern eingebläut!  

Jetzt wird mir mein Verhalten klarer.                                                                            

Am nächsten Tag sitzen wir beide, ausgehungert und durstig, in einem chinesischen Lucullus-Center, klein, wie eine Imbissbude.

Einstein bestellt eine Suppe und Nudeln mit Hähnchenfleisch, dazu eine Cola. Flo bekommt einen Napf mit frischem Wasser hingestellt und ich freue mich auf gebratene Ente mit Chop Suey und Reis.

Wir haben genau eine Stunde Zeit; Hans-Heinrich erwartet uns pünktlich.

Nach etwa 20 Minuten kommt das Essen.

Meine Portion, zwei Entenbrüste, aufgeteilt in etwa zusammen 20 Zeigefinger langen, dünnen, zwei Zentimeter hohen Scheiben, kross gebraten, auf einer kleinen Anhebung von Chop Suey. Das müsste reichen, frohlocke ich und sehe auf die Uhr. Es könnte klappen.

Eine Minute später bringt der Chinese einen großen Teller mit einem Berg von Nudeln, vermischt mit unzähligen Hähnchen-Fleisch-Stückchen.

Ach du Scheiße, fluche ich innerlich, so langsam, wie Einstein isst, braucht er zwei Stunden.

Ich werde immer nervöser, besonders, als ich mit Hilfe von Flo meine Riesenportion nach etwa zwanzig Minuten verzehrt habe.

Ich werde noch unruhiger, schaue Einstein beim Essen zu, zähle die Kaubewegungen und versuche, eine Hochrechnung bezüglich der Gesamtdauer anzustellen.

Ich habe gerade meinen leergegessenen Teller zur Seite geschoben, als Einstein stöhnt:

„Du, ich lasse mir den Rest einpacken!“

Total erleichtert registriere ich, dass wir genau noch 16 Minuten haben, wenn wir pünktlich bei Schachti sein wollen.

Drei Minuten dauert es, bis der Chinese verstanden und den Rest des Essens, etwa zwei Drittel, eingetütet hat und wir bezahlen können.

Wir sind pünktlich!

Seitdem weiß ich, dass Einstein ein exzellentes Zeitmanagement hat und, wie ich, Termine pünktlich einhalten will, trotz seines Kaufestivals.

 
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© Bloginitiative Peter Weidlich