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Immer neue Malaisen

„Ich habe Ihre Kolumne gelesen, ‚ein Wochenende im Krankenhaus‘. Das geht ja gar nicht. Wir haben überlegt, Strafanzeige zu stellen, wegen Datenschutz und so!“

Der leitende Oberarzt stand mit seinem Gefolge an meinem Krankenbett kurz nach der Aufnahme im Mathias Spital Rheine, sah mich anklagend scharf an, während die Assistenzärzte und Schwestern betreten beobachteten, wie ich wohl reagieren würde.

„Sie haben die Kolumne aufmerksam gelesen?“ Er nickte.

„Ich habe nichts ehrenrühriges geschrieben“, bemerkte ich erstaunt und leicht verunsichert. Schnell spulte ich die Geschichten im Geiste ab und fügte hinzu:  „Die Krankenschwester und die Ärztin haben hervorragend gearbeitet, das habe ich beschrieben. Natürlich mache ich mir Gedanken, wenn ich mit Tatsachen und Fragen konfrontiert werde. Das ist legitim, weder rassistisch noch diffamierend! Meinungs-und Gedankenfreiheit sind mit unsere höchsten Güter.“

„Naja, aber der Datenschutz, das geht eben nicht, wollte ich Ihnen nur mitteilen!“

Und Schwupps war er wieder draußen.

Komisch, dachte ich, wenn das Mathias Spital im Internet Wert auf eine Bewertung legt, was ist da mit „Datenschutz und so“?

Einer der Assistenzärzte kam Minuten später zurück. Ich fragte ihn, hatte mich mittlerweile gefangen, ob er die Kolumne gelesen hätte und ob die ärztliche Versorgung nach diesem Anschiss gefährdet sei. Er lachte, verneinte beides und fragte dann, warum ich wieder in der Kardiologie läge.

Mein Hausarzt hatte nach der Auswertung meines Blutbildes und der Symptome eine Anämie festgestellt, Hämoglobin-Wert von 7,8 g/dl; normal sei 14-18 g/dl bei Männern.. Der niedrige Sauerstoffgehalt schwächte mich zusehend. Er hatte auf Eisenmangel getippt, wollte die Ursachen ergründen lassen.

Deswegen war ich im Krankenhaus und hoffte auf eine schnelle, kompetente Diagnose.

Diverse Untersuchungen brachten keine schlüssigen Erkenntnisse. Ein Beutel Eisen tropfte in meine Adern und hoben der HB-Wert. Mit 12,8 wurde ich schließlich entlassen.

 

Flo war während dieses Krankenhaus-Aufenthaltes täglicher Gast bei Einstein. Morgens früh um 6.30 Uhr von Gunthi gebracht, gegen 17.00 Uhr wieder abgeholt.

Einstein genoss die zehn Tage mit Flo. Sein Enkelkind, gerade mal 6 Jahre jung, tollte mit ihr herum. Beide kuschelten sich bei ihm ein, wenn sie müde waren. „Ich liebe meine kleine Zoey“, schmunzelte er, „für dich Silberlocke ist Flo wie ein Enkelersatz, richtig?“

 

Einige Wochen später bemerkten Gunthi und ich eine totale Veränderung. Flo wich uns nicht von den Fersen. Die Karnickel im Garten ließen sie ziemlich kalt. Auffällig war, besonders abends: Flo legte sich hin, sprang kurz danach wieder auf, streckte ihren Kopf nach oben, rollte sich in eine Decke, blieb gerade zwei Minuten liegen, sprang gehetzt wieder auf, suchte intensiv unsere Nähe, so, als wollte sie sagen: „Es tut mir alles weh, helft mir doch!“

Sie fraß wesentlich weniger, als normal, streckte Kopf und Hals nach oben, zuckte merkwürdig mit dem Kopf, drehte ihn immer nach rechts, nie nach links.

 

Aloys, unser Tierarzt seit vielen Jahren, untersuchte sie intensiv. Unsere Beschreibung ihres Verhaltens brachte ihn zunächst darauf, ihre Ohren zu untersuchen. Eine Mittelohrentzündung wurde diagnostiziert, Tropfen sollten helfen. Das aber schien nicht alleinige Ursache für Flos Unruhe zu sein, grübelte Aloys.

Wir schickten ihm unser Video, das Flos Verhalten verdeutlichte.

 

Schlagartig wurde dem Tierarzt klar: Meningitis. Eine genaue Untersuchung mittels der Punktion von Rückenmarksflüssigkeit hatte eine Behandlung mit Cortison zur Folge.

Natürlich machte ich mich schlau im Internet.

Nicht immer der richtige Weg, weil der Gedanke, dass mein Liebling Flo sterben könnte, unerträglich wurde.

Ich verbat mir, noch mehr zu heulen.

Es ist nicht so weit, redete ich mir ein, sie wird leben. 

 

Das erste Foto, als Flo uns am ersten Abend aus ihrem Körbchen vertrauensvoll anschaut, das Video drei Jahre später und die vielen Erlebnisse mit dieser liebenswerten Hündin belegen unsere tiefe Zuneigung zu ihr.

Kann, darf man zu Hunden, einem Tier, ähnlich liebevolle Beziehungen entstehen lassen, wie zu einem Menschen?

Natürlich kenne ich den Unterschied! Wirklich?

Ich schaue mir das Video an: Flo kuschelt sich in meine Hand am ersten Abend ihrer Ankunft bei uns, am 7.12.2013, es sind jetzt knappe 6 Jahre her.

Mein tiefer Seufzer drückt meine Hoffnung aus, dass wir Menschen alle Tiere liebevoll behandeln und verantwortungsvoll nutzen sollten.

Tue ich das auch als Jäger?

Auch, wenn ich Mücken klatsche?

Was ist mit dem Schreddern männlicher Küken, was mit den qualvollen Tiertransporten, die Stierkämpfe in Spanien oder das Backen lebendiger Hunde in China? Ich denke an die qualvolle Abrichtung von Tanzbären in Litauen, Indien, Türkei; an die Wilderer, die Elefanten oder Nashörner abschlachten, an das dreckige Geschäft mit seltenen Tierarten, an den Tierschmuggel insgesamt...

Ich könnte nur noch heulen! Auch deswegen, weil ich auch zu den Fleischessern gehöre, weil ich allein durch meine Existenz das Leben vieler Tiere, dazu gehören ja auch Insekten!, gefährde oder auslösche. Und wenn ich daran denke, dass auch Bäume, Salate, Radieschen, Blumen, sogenanntes Unkraut leben, oft viel länger als ich, dann wird mir wieder die Macht des Stärkeren und des Erhaltungstriebes bewusst.

Heulen nützt wenig oder gar nicht!

 

 

 

 

 

 

 

Sie scheint es überstanden zu haben, ein wenig zugelegt hat sie aufgrund des Cortison Präparates. Die Kaninchen reizen sie wieder, das Fresschen mundet, die Augen strahlen.

 

Ganz anders mit meiner Ferse: Während der beiden Krankenhausaufenthalte im Frühjahr dieses Jahres lag der Fokus darauf, das Wasser in meinem Körper aufgrund der Herzschwäche zu mindern, die Anämie in den Griff zu bekommen und die ständige Atemnot zu lindern.

Als Diabetiker mit stets hohem Blutdruck war das eine ziemliche Tortur.

Vor nunmehr drei Wochen brachte die Untersuchung bei der Fußambulance neue Erkenntnisse, die tatsächlich die Wunden an der rechten Ferse heilen lassen.

Ein MRT forciert weitere Maßnahmen…

 

Einsteins Gesundheitszustand hat sich erheblich stabilisiert.  Die Infusionen haben die schlimmsten Befürchtungen außer Kraft gesetzt.

 

Daher sind wir der Hoffnung, dass wir drei im August 2019 wieder in die Lüneburger Heide fahren können, um unsere Sehnsucht nach Heimat, Heide, Wälder und neuen Freunden zu stillen.

 

Wir haben noch nicht aufgegeben, trotz immer neuer Malaisen, wir sind zwar nicht mehr das Gelbe vom Ei, aber, wir haben uns und unsere Freunde!

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich