Bloginitiative
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Oma weint

Flo und ich erkunden die Stadt.

An jedem Strauch, an jedem Baum wird geschnuppert, Zeitung gelesen, anderen Vierbeinern nachhaltig angezeigt, gerade hier gewesen zu sein.

Uns kommt eine ältere Dame mit ihrem Rollator entgegen.

„Ach, ist der süß! Eine Rüde oder ein Weibchen? So lockig!“

„Eine Dame, drei Jahre jung“, lache ich.

 

Sie beugt sich hinunter, um die sich an ihrem Bein hinaufreckende Hündin zu streicheln.

 

„Und so ein weiches Fell! Wie heißt sie denn?“

 

„Florentine, genannt Flo oder Flöchen!“

 

Während sie streichelt und Flo ihr wie aus Versehen über den Handrücken leckt, verdunkeln sich Omis Augen.

Trotzig wischt sie Tränen weg.

 

„Wie mein Harry“, flüstert sie. „Ich musste ihn abgeben, weil der Vermieter keine Tiere erlaubt, auch nicht so einen kleinen Hund!“

 

Bedrückende Pause, ich weiß nicht, was ich sagen soll.

 

„Wissen Sie“, fährt sie fort, „wenn der Vermieter wüsste, dass ich viel länger leben wollte, wenn mein Harry bei mir wäre!“

 

„Wo ist er denn jetzt?“

 

„Bei Bekannten. Jedes Wochenende kann ich ihn besuchen. Und wenn ich dann wieder nach Hause muss, er hat auch Tränen, wissen Sie, ein Hund kann auch weinen!“

 

Wir blicken ihr nach. Warum sind manche Vermieter so erbarmungslos, frage ich mich.

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich