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Von wegen Sitzfleisch

Als wir genau vor einem Jahr Hans-Heinrich beim Vorstellungsgespräch erklärten, dass wir scharf auf Sauen seien, also Sitzfleisch mitbrächten, war das „Eis gebrochen“. Solche Waidmänner, also keine Weicheier, waren nach Schachtis Geschmack.

Die Realität aber sah ganz anders aus. Zeit, sich intensive Gedanken zu machen, zumal Schachtis Vorbereitungen für diese vier Tage Ende Juli 2018 wesentlich intensiver waren und uns zum Nachdenken brachten.

Meine Frau Gunthi, seit 31 Jahren im Besitz eines Jagdscheines, freute sich darauf, an ihren letzten Urlaubstagen mit uns in der Heide jagen zu dürfen.

 

Schachti hatte sie einige Wochenenden zuvor auf der Geburtstagsfeier seiner Frau Astrid kennen gelernt und sie nach ihrer Aussage sofort in den erweiterten Kreis seiner „Jagd“-Familie aufgenommen. Warum? Sie hatte an einem Abend auf der Regenwiesenkanzel ansitzen dürfen und hatte das Glück, noch im Hellen das Schmatzen und Quieken 18 kleiner Frischlinge mit ihrer Bache zu beobachten. Entsprechend der Order, keine Gestreiften  zu schießen, ließ sie den Finger gerade. Das Grunzen und Herumtollen einer älteren Rotte im Unterholz eine halbe Stunde später, das Mondlicht hätte zum Schießen nicht mehr ausgereicht, trieb ihren Adrenalinspiegel in absolute Höhen und verleitete sie zu der begeisterten Aussage: „Bei Vollmond hätte ich die ganze Nacht gesessen!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flo harrte geduldig der Dinge, die da kommen mussten!

Wir vier, Einstein, Flo, Gunthi und ich, saßen Schachti in der Mittagszeit gegenüber, jeder ein gekühltes alkoholfreies Getränk in den Händen.

Wir berichteten von unseren Erlebnissen in den letzten beiden Nächten, in denen wir auf Ansitzböcken inmitten eines großen Maisschlages auf der Beregnungsgasse gesessen und auf Sauen gewartet hätten. Hasen, Rehwild und ein mittelstarker Keiler wären gesichtet worden, man sei aber nicht zu Schuss gekommen. Nach sechs, beziehungsweise sieben Stunden hätten wir aufgegeben.

„Ihr habt euch ja per WhatsApp in den Nächten abgemeldet“, bemerkte Schachti anerkennend, „aber, wenn ihr die Nächte durchgesessen hättet, dann…!“

Sein vielsagender Blick und der Unterton seiner Stimme alarmierten mich.

Er zeigte auf das Foto, das er bereits am frühen Morgen von den aufgewühlten Stellen auf dem Feldweg am Maisfeldrand gemacht hatte: Frisch aufgebrochen, zerwühlt von Sauen unterschiedlicher Stärke, die sich noch nicht für den milchreifen Mais interessierten, sondern für Maden und Engerlinge und den von der Beregnungsanlage durchfeuchteten Ackerboden.

„Eigentlich würden sich die Sauen direkt unter die Berieselung legen, wenn sie könnten“, witzelte Einstein, um den leisen Vorwurf Schachtis ein wenig abzumildern. Er konnte ja nicht ahnen, dass er wenige Stunden später die Flucht vor einem sich ihm drohend nähernden Wasserstrahl ergreifen musste.

Schachti war entnervt, dass wir immer noch kein Waidmannsheil gehabt hatten, trotz seiner intensiven Vorbereitungen und Planungen: Er hatte nach dem Abfährten von Wildschweinrotten die Ansitzböcke in die Beregnungsgassen gestellt. Dort wäre der Jagderfolg am größten, weil die Sauen, wie die gesamte Natur, nach Wasser lechzten. Wären wir tatsächlich bis zum frühen Morgen auf den Ansitzen geblieben, dann hätte es klappen können.

Um seine Enttäuschung zu verbergen, erzählte er uns Geschichten, die er erlebt und über die er ein Buch schreiben könnte, Geschichten, die sich rund um die Jagd oder die abend-nächtlichen Ansitze drehen würden. Über eine mussten wir besonders herzlich lachen: Ein Liebespaar parkte unterhalb der Regenwiesenkanzel. Die Fahrertür ging auf, ein langer Arm stellte eine Sektflasche nach draußen in die Wiese. Schachti kletterte hinunter, schnappte sich die Flasche und verschwand wieder nach oben. Keine halbe Stunde später ging die Tür wieder auf, ein endlos langer Arm tastete nach der Flasche, fand nichts, ein hüllenloser Körper folgte dem Arm, fluchte laut: „Verdammter Mist!“ Im gleichen Atemzug startete der Wagen und weg waren sie.

 

„Pirschen würde ich gern, wenn ich ehrlich bin, und auch auf einen Bock blatten“, erklärte sie Schachti auf seine Frage, wie sie heute ihren letzten Abend jagdlich gestalten wolle.

 

Heute, Freitag, 27. Juli 2018

Gunthi wurde ihrem Wunsch entsprechend anlässlich der Blattzeit auf die Pirsch zum Blatten geschickt, gemeinsam mit Maik, einem Jungjäger, der Schachti bei vielen Arbeiten im Revier unterstützt, sein Vertrauen erworben hat und weil er die Grenzen des Reviers kennt.

 

Einstein sollte an einer anderen Beregnungsschneise auf Sauen und Böcke ansitzen, wenige Meter von mir entfernt auf der anderen Straßenseite, 60 Meter im Mais.

 

Schachti selbst musste sich dem Doppelkopfspiel und dem Whisky-Umtrunk hingeben!

 

 

 

 

 

Für mich hatte Schachti den Ansitzbock per Trecker auf den Wegrand gestellt, den Sauen in der Nacht zuvor nachweislich stark aufgewühlt hatten. Die Aufbruchstellen waren durch die Beregungsanlage noch feucht. Schachti hoffte, dass ich die Nacht dort verbringen und erfolgreich sein würde.

Ich hatte mich auf dem Ansitz gerade eingerichtet, die Waffe geladen, gesichert, und untersuchte per Fernglas den ansteigenden Feldweg zwischen zwei großen Maisschlägen. Dunkle Stellen merkte ich mir, damit ich sie bei weniger Büchsenlicht und späterem Mondlicht nicht mit einem Wildschwein verwechseln würde.

 

Plötzlich schlug Flo böse knurrend an. Der Hase, keine 20 Meter vor mir, ergriff die Flucht.

 

Ein runder Vollmond mit Bart lugte durch mein Fenster.

„Tschuldigung, Silberlocke.“

Flo hatte sich schnell  beruhigt, kannte er doch Einstein, allerdings nicht mit diesem Hut und dem Geruch von Mückenvernichtungsmitteln.

„Die Beregnungsanlage kam direkt auf mich zu. Der Bauer hat mich wohl nicht spitz gekriegt. Bevor ich total nass werde, habe ich es haken lassen. Ich gehe jetzt zum Sandkuhlenansitz, damit du Bescheid weißt!“

Zehn Minuten später rief ich Einstein an, ob er angekommen sei.

„Ja, alles in Ordnung!“

Wie wirkt sich wohl die totale Mondfinsternis auf die Tierwelt aus, sinnierte ich und bedauerte, dass ich die Verfärbung zum Blutmond von meinem Ansitz nicht sehen könnte, weil sich das Himmelsspektakel hinter mir abspielen würde. Vielleicht klappt es ja im Januar 2019, wenn die Erde sich wieder zwischen Sonne und Mond drängt, dachte ich und fragte mich, ob wir nach den 103 Minuten Verdunklungszeit weiter ansitzen würden, als ich vor Schreck zusammenfuhr: Ein Schuss, keine 100 Meter rechts von mir. Das konnte nur Einstein gewesen sein.

„Ja, ich habe gerade 5 Minuten gesessen, da kamen vier stärkere Frischlinge, ohne Streifen, ohne Bache! Einer schupste den Deckel einer Kiste zur Seite und machte sich über die Maiskörner her. Ich habe auf ihn geschossen, er brach zusammen, streckte alle Viere von sich, sprang wieder hoch und verschwand im Dickicht. So schnell konnte ich überhaupt nicht hinterherschießen. Rufst du Maik an?“

 

Maik und Gunthi hatten mit dem Heranfiepen diverser Böcke in unterschiedlichen Revierabschnitten keinen Erfolg. Die Böcke waren bei der Hitze von noch 29 Grad wohl zu faul.

Beide kamen sofort zur Sandkuhle und suchten an der Anschuss-Stelle nach Schweiß und Schnitthaar, fanden kleine Tröpfchen, ein Büschel borstiges Haar, sonst nichts. Diagnose: „Krellschuss, eine Nachsuche mit Hund würde womöglich zu einer Hetzjagd führen. Wir verzichten daher“, schrieb mir Maik als WhatsApp-Nachricht.

Während ich sie las, entdeckte ich 200 Meter vor mir einen pechschwarzen Punkt, der aus dem Mais gekommen war. Blitzartig schob ich das Fernglas vor die Augen und erstarrte: Ein Jogger! Er kam direkt auf mich zu. Als er mich sah, entschuldigte er sich erschrocken. Ich grüßte ihn, winkte ab mit den Worten:

„Macht nichts. Schönen Abend!“

Schlagartig ging mir der Spruch durchs Hirn: Das ist das oberste Gebot, was du nicht kennst, das schieß nicht tot!

 

Endlos traurig war Einstein, er hatte zwar das Zielfernrohr von der Waffe heruntergenommen, weil die Entfernung zur Kirrung etwa 10 Meter betrug. In der Aufregung hatte er vergessen, nach der alten Regel zu agieren:

„Berg rauf, Berg runter, halt immer drunter!“

Stimmt diese Jägerweisheit überhaupt? Stimmt sie auch, wenn das Zielfernrohr abmontiert wurde und über Kimme und Korn geschossen wird?

„Egal, wieder daneben. Ich glaube, ich höre auf zu jagen“, murmelte Einstein deprimiert und änderte seinen Gesichtsausdruck, als Schachti und wir ihm signalisierten, dass auch andere Jäger daneben schießen würden.

 

Letztes Treffen am folgenden Vormittag mit Schachti.

Wir hatten, wie die drei Morgen zuvor, bei Peter im Dorfkrug ein ausgezeichnetes Frühstück einnehmen können, mit Rührei, Wurst, Käse, Erdbeermarmelade und jeder Menge Kaffee, wirklich liebevoll gedeckt, sodass wir gut gelaunt die Tage beginnen konnten.

Schachti und seine Frau Astrid nahmen uns zum Abschied in die Arme. Wir würden wieder zum Vollmond kommen, vielleicht sogar eher, allerdings ohne Gunthi, sie ist noch berufstätig und politisch engagiert.

Einstein und ich schwören: „Beim nächsten Mal bleiben wir die ganze Nacht auf dem Hochstand, versprochen!“

Ein stilles Lächeln huscht über Schachtis Gesicht.

Seit Montagnachmittag, also drei Tage später, kann Einstein wieder lachen: Schachti schrieb folgende WhatsApp:

„Die vier sind noch im Mais am Fuchsberg.“

Die vier Frischlinge, also auch der, den Einsteins Kugel gestreift hatte, tigern tagsüber in der Gegend umher, unerfahren und unvorsichtig, weil sie keine Führung haben, so ist das eben, wenn Teenager unbeaufsichtigt sind.

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