Bloginitiative
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Was ich nicht weiß,...

Auf die Frage meiner Kinder, ob sie rauchen dürften, habe ich stets geantwortet:

„Ich möchte nicht mitverantwortlich sein dafür, dass ihr womöglich an Lungen-oder Kehlkopfkrebs erkrankt, erspart mir also die Antwort!“

Das hat fast bei allen meinen Kindern dazu geführt, dass sie nie geraucht haben. Im Gegensatz zu mir, ihrem vorbildlichen Vater, der in jungen Jahren das Pfeifen-Rauchen zelebrierte.

 

Seit der Prima fing es an: Während der Pausen oder auf Klassenfahrt oder auf dem Weg zum Theater, stets klemmte eine Pfeife im Mundwinkel. Damals noch mit einem dicken, oft aber winzig kleinen Kopf, in den nur wenig Tabak passte.

„Für kurzzeitig schnellen Genuss gerade richtig“, hatte mein Vater mir als Geheimtipp offenbart und erklärt:

„Als Pennäler, um von den Lehrern nicht erwischt zu werden, als Soldat im Schützengraben, um die totale Scheiße besser ertragen zu können und direkt nach dem Krieg als frisch Verheirateter konnte ich das Pfeifchen unerkannt in der Hosentasche verschwinden lassen!“  

Seine Frau Hildegard, nicht auf den Kopf gefallen, lächelte augenzwinkernd, weil sie oft das angekokelte Hosenfutter hatte ausbessern müssen.

Später reichte eine Pfeife nicht aus, schon gar nicht mit kleinem Kopf. Sobald sie heiß geworden war, schmeckte sie nicht mehr und musste gegen eine kalte ausgetauscht werden.

Je größer der Kopf, desto länger der Genuss.

Im Laufe der Jahre wuchs die Anzahl toll gemaserter, leichter  Vauen-Pfeifen mit dem weißen Punkt, die einerseits von meinem durch das Handballspiel lädierten Gebiss gut festgebissen werden konnten und andererseits hervorragend glatt in der Faust lagen.

Das Pfeifenhaus ‚Tesch‘ in Hamburg belieferte mich monatlich mit auserlesener Tabakmischung, gut riechend zur Freude des weiblichen Geschlechts, kein Brennen auf der Zunge, Spezialfilter fingen Teer und Nikotin auf. Außerdem beruhigten sich die meisten Pfeifenraucher mit dem Spruch:

„Alles nicht so schlimm, ich rauche nicht auf Lunge!“

Susi, eine meiner Töchter, erzählte mir neulich lachend, dass sie den Pfeifengeruch als Kind geliebt habe, weil er meine leibhaftige Gegenwart signalisierte, gar nicht so selbstverständlich, als ich damals mein Kinderheim leitete und selten zu Hause sein konnte.

Wenn ich abends an der Schreibmaschine saß, Berichte anfertigte, steckte ich mir zusätzlich eine Zigarette an der anderen an.

Nikotinfinger, gelbe Zähne, Hustenanfälle waren der Lohn.

Die Lust am Laster erhielt starke Dämpfer, als die Hustenanfälle stärker wurden und Schwindel erzeugten. Irgendwann plötzlich hatte ich das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Alles drehte sich, ich krachte auf meinen Schreibtischstuhl. Panik erfasste mich: „Das ist wohl das Ende“, stammelte ich zutiefst erschrocken. Nach intensivem Ringen um Luft und Halt die Erkenntnis: Aufhören. Sofort mit dem Rauchen aufhören!

Es war im Mai 1988.

War es dieser Leidensdruck, der mich animierte, den gesamten Vorrat an Zigaretten in den Müll zu pfeffern und im Laufe der nächsten Tage alle meine Pfeifen nebst Zubehör zu verschenken?

Ich glaube schon.

Aber, was nehme ich in den Mund, in dem seit knapp 24 Jahren immer eine Pfeife zwischen den Lippen steckte, was halte ich in der Faust, die es gewohnt war, einen warmen Handschmeichler festzuhalten?  Lollis taten es, Lollis, klein und rot wie Kirschen wechselten einander ab.

Natürlich nahm ich zu.

Aber das völlig neue Gefühl, keine Pfeifentasche mehr mitführen, keinen Stopfer suchen, kein Feuerzeug benötigen, keinen Tabak, keine Filter und Reiniger bestellen zu müssen, dieses neue Gefühl war überwältigend, befreiend, unterstrich eine neu gewonnene Autonomie. Herrlich! Kein Sklave mehr meiner Süchte!

Seitdem nie wieder.

 

Nicht ganz: Vor etwa einem Jahr, also 2018, sitzen wir in einem Kaffee in Münster.

Flo, in ein Stuhlkissen eingedreht, beobachtet jede Bewegung ihrer Liebsten, gähnt sich Mut machend, als ein großer, schwarzer Hund samt seinem Frauchen an uns vorbei ziehen und auf den nächsten freien Tisch zusteuern, Gott sei Dank im gebührenden Abstand! Fast lautlos stöhnt Flo, als sie mit Freuden feststellt, dass der Rüde unter Frauchens Stuhl Platz nehmen muss, so, wie es sich eben für normale Hunde geziemt.

Gunthi will eben mal kurz bei Schnitzler reinschauen, vielleicht noch einen Abstecher zu den Toots bei Zum Norde machen, wer weiß das schon!

Vor mir ein älterer Herr bei Kaffee und Kuchen, seine Pfeife schmökend.

Dieser Geruch! Göttlich! Traumhaft! Tiefes Einatmen, Glücksgefühle pur!

„Könnten Sie für einen Moment auf sie aufpassen?“, bitte ich den Herrn, „bin gleich wieder da!“ Flo weiß sofort, um was es geht. Mein „Stopp, bleib!“ hindert sie, hinterher zu stürmen.

 

Schnurstracks ab in das nächste Pfeifengeschäft, gerade um die Ecke. Kauf von zwei Vauen, dicke Köpfe, herrlich gemasert, liegen schmeichelnd in der Faust. Stopfer, Filter, Reiniger und Tabak warten ausgebreitet vor mir, keine fünf Minuten später.

Der Herr am Nebentisch und Flo zeigen sich verständnisvoll.

Das Stopfen zelebrierend, mit einem Streichholz entflammt, inhaliere ich den Duft der großen weiten Welt in meine Lungen, strahlend, die Augen schließend, den Verstand ausgeschaltet: Schließlich entscheide ich allein, was mir guttut und was nicht!

 

Pustekuchen!

Nach zehn kräftigen Zügen wieder ein Hustenanfall, angedeutet nur, vielleicht unbeabsichtigt? So aus Versehen?

 

Gunthi kommt an den Tisch, zwei Tüten.

„Wie, du rauchst wieder?“

Ein kurzer Gruß zum Nebentisch. Eine abwehrende Händehochhaltung will sagen: „Nicht meine Schuld!“

 

Sie kramt eine Schachtel aus ihrer Handtasche.  Das hässliche Bild, ein total kaputtes von Nikotin und Teer zerstörtes Gebiss zeigend, wird zugedeckt von einem Schnipsel Papier, das Gunthi seelenruhig platziert hat, so, nach dem Motto: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“.

 

„Jeder Besuch in der Stadt kann tödlich enden“, scherzt sie, klemmt sich einen Glimmstängel zwischen die roten Lippen, das Feuerzeug funktioniert auf Anhieb, zieht gierig genussvoll, fast trotzig den Qualm in die Bronchien und fragt: „Willste mal sehen, was ich gekauft habe, 50 Prozent reduziert?“

 
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© Bloginitiative Peter Weidlich