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Wenn Lächeln gefriert...

Nachts, halb drei. Der gerade abnehmende Mond, halbhoch am Augustenhimmel, verschwindet hinter einer geschlossenen Wolkendecke.

„Das wird nichts mehr“, flüstere ich ins Handy. Auf der anderen Seite nickt Einstein. Wir beide hatten weibliches Rehwild im Anblick, das ungeniert vor uns herumtänzelte, scheinäste, mit umflorten Mandelaugen Ausschau nach jungen Böcken hielt, mit angespannten Sinnen der Wolfsgefahr trotzte und genau wusste, dass es noch zwei Tage von uns Jägern verschont bleiben würde. Also Null Gefahr!

„Morgen ziehe ich mir eine dickere Jacke an“, begrüßt Einstein mich und klappert angesichts kalter Hände und Knie laut mit den Zähnen. 10 Grad sind es, als wir gegen 3 Uhr ins Bett fallen.

Es ist bereits 12 Uhr. Wir verspeisen vor dem Bäckerladen in Knesebeck die belegten Brötchen. Norbert, nach 28 Jahren immer noch ein Zugezogener, der vor vielen Monaten mit seinem Motorrad verunglückt ist und seitdem schwerbehindert im Rollstuhl die Damen der Bäckerei fast täglich besucht, weil sie auf seine besonderen Wünsche eingehen. Auch unsere Wünsche werden berücksichtigt, wenn wir Brötchen mit Butter, Salami und Eischeiben haben möchten, allerdings ohne  Gurkenscheiben, Salatblätter und Remouladensoße.

 

 

 

 

 

 

"Na, ihr beiden“, begrüßt er uns mit verhaltenem Grinsen, „habt ihr endlich was geschossen?“

 

Aha, denke ich, der weiß auch schon, dass wir Nieten sind.

Beide, Norbert und Einstein, beobachten die alte Dame mit ihrem Rollator, die die Kreuzung überqueren will, aber unschlüssig wartet. Norbert, ein korpulenter Zeitgenosse, erbarmt sich ihrer und geleitet sie, ein wenig gegen ihren Willen, über die Straße.

Christliche Nächstenliebe oder gemäß des Pfadfinderleitgedankens „Jeden Tag eine gute Tat“, denke ich anerkennend und sehe im linken Augenwinkel die Kirchturmspitze der Katharinenkirche, zu der ich eine gespaltene Beziehung habe:

 

Damals, vor nunmehr genau 60 Jahren, also 1958, ich war gerade 12 Jahre alt, kniete ich als Jungmessdiener vor dem Altar. Wir Katholiken, eine Minderheit gegenüber den Protestanten in dieser Gegend, durften einmal im Monat unseren Gottesdienst in der evangelischen Kirche feiern. Ich war stolz, dass ich das Stufengebet auf Latein, 5 Cantabonaseiten  lang, auswendig aufsagen konnte. Die Messdiener mussten das damals noch können!

Ich kniete also, stolz wie Harry, in Andacht versunken, und träumte davon, auch mal Pastor zu werden. Der Pfarrer flüsterte, ohne sich zu mir umzudrehen: „Peter, Buch auf die linke Seite!“ Ich hörte nichts, einerseits, weil ich von frühester Kindheit schwerhörig war, andererseits, weil ich glückselig träumte. „Peter, Buch nach links!“ Ich hörte immer noch nichts. „Peter, Buch!“ die Stimme des Pfarrers war energischer. Ich hörte immer noch nichts.

Da dröhnte die dunkle Stimme meines Vaters gnadenlos durch das Kirchenschiff:

„Peter, das Buch, das Buch rumtragen!“

Erschrocken sprang ich auf, hetzte die Stufen zum Altar hinauf, ergriff das Buch samt Pult, drehte mich um, trat auf den langen Ministrantenrock, stolperte, das Buch flog hinunter, ich rief entsetzt ‚Scheiße‘! Der Pfarrer drehte sich um und zack knallte es. Die Ohrfeige holte mich endgültig zurück in die Realität. Danach lief alles gut!

 

Nach der Rundfahrt durchs Revier, einschließlich der Kontrollen an den Kirrungen, treffen wir Schachti mitten im Revier. Er hatte gerade einen Hochstand repariert und bittet Einstein, ihm bei dem Standortwechsel eines fahrbaren Ansitzes zu helfen. An der Anhängerkupplung des Traktors hängt die Kiste, mannshoch, und wird vorsichtig an den Rand des Ackers abgestellt, ausgerichtet und im Erdreich verankert, keine dreißig Meter von der Suhle entfernt..

„Hier sitzt du heute Nacht“, entscheidet Schachti, „die Sauen nehmen die Suhle gerade jetzt jede Nacht an. Wenn wir Glück haben, treten sie aus dem Schilf heraus und wechseln zu mir da hoch ins Maisfeld.“ Er zeigt auf einen etwa 100 Meter entfernten Maisschlag und ergänzt, dass er auf der Ansitzleiter am Maisfeldrand sitzen würde. „Es könnte klappen, und der Mond ist gut!“

 

Nach dem Abendessen fahren wir zu den Kanzeln. Einstein hat in seine Ansitzjacke das wärmende Futter eingezogen. Ich nehme die Kanzelheizung mit, die ich zum Geburtstag von Gunthi geschenkt bekommen habe. Ich will sie zum ersten Mal auf dem Hochstand ausprobieren. Für Flo liegt eine Wolldecke bereit.

Die Decke war unnötig, weil der kleine Ofen auf niedrigster Stufe genügend Wärme ausstrahlt, um uns beide bei guter Laune zu halten und damit die Konzentration auf einen Jagderfolg zu erhöhen. Der Feuerschein meiner Wärmequelle behindert meine Sicht nach draußen nicht mehr, weil ich sie unter das Sitzbrett geschoben habe.

 

„Wer friert, verliert die Lust am Beute machen“, flüstert Einstein, als er mich gegen 22 Uhr per Handy kontaktiert. Der Mond erscheint zunächst milchig, soll aber gegen Mitternacht bis zum frühen Morgen für ein gutes Büchsenlicht sorgen.

„Wir wollen ja lange sitzen, haben wir versprochen. Frierst du jetzt schon, trotz deiner dicken Ansitzjacke?“

„Es zieht durch alle Ritzen. Meine Knie werden schon kalt. Aber ich schaffe das“, seufzt Einstein trotzig. Er will sich keine Blöße geben, will nicht vor der kühler werdenden Witterung streiken, die ihn langsam umfängt und ihm verdeutlicht, sich nicht genügend vorbereitet zu haben.

Es hilft alles nichts. Gegen 23 Uhr Einsteins Nachricht, dass er trotz des guten Mondlichtes Sorge habe, sich zu erkälten. „Bloß keine Lungenentzündung!“ Dieser Hinweis alarmiert mich. „OK, in 20 Minuten hole ich dich ab!“

Bei gutem Mondlicht biege ich von der Hauptstraße in den Feldweg, fahre an Maisfeldern vorbei und sehe rechts Schachtis Geländewagen.

„Ach, verdammter Mist“, fluche ich, weil mir schlagartig klar wird, dass das Ärger geben wird.

Die Scheinwerfer gleiten über das Stoppelfeld, Einstein steigt ein, seine Hände sind eiskalt. „Wir haben Schachtis Ansitz kaputtgemacht!“ Meine Ansage elektrisiert ihn.

Schweigend fahren wir um 23.40 Uhr an der Maiskante vorbei, wissend, dass Schachti ‚not amused‘ sein wird.

Ich schreibe ihm eine WhatsApp: „Lieber Schachti, Einstein ist sehr durchgefroren, die Lichtverhältnisse sind zwar einigermaßen gut, aber er wollte sich nicht erkälten. Wir hoffen, dass wir deinen Ansitz nicht gestört haben!!! Waidmannsheil bis morgen! LG.“

Nachdem wir am nächsten Tag die Kirrungen untersucht haben, treffen wir uns mit Schachti an seinem Damwild Gehege.

Er sieht uns kaum an.

„So geht das nicht. Ihr nehmt die Jagd auf Sauen nicht ernst genug. Immer passiert etwas Unvorhergesehenes. Die Jagd auf weibliches Rehwild wird zukünftig eure Aufgabe sein!“

Betroffen fahren wir nach Hause, mit gefrorenem Lächeln, mit Tränen der Enttäuschung, mit einem Sack voller Entschuldigungen und Erklärungen. Aber eines ist wahr: Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.

Ich schicke Schachti folgende WhatsApp:

„Lieber Schachti, seit 30 Minuten sind wir wieder zuhause. Es tut uns leid, dass wir dich gestört und den Erwartungen nicht entsprochen haben, unabhängig von unserer körperlichen Verfassung. Wir werden uns hinsichtlich der Jagd auf weibliches Rehwild Mühe geben!!! Liebe Grüße, Silberlocke.“

Schachtis Antwort:

„Es gibt Dinge, die müssen einmal gesagt werden. So war es heut. Wünsche uns noch viele gemeinsame Jagderlebnisse und Spaß bei der Jagd. Freue mich auf unser nächstes Wiedersehen.“

Tatsächlich verhilft uns Schachti zu der Erkenntnis, dass wir den realen Anforderungen an die Jagd auf Sauen nicht genügen, vielleicht auch nicht mehr genügen können, wegen unserer körperlichen Beschaffenheit und der sich daraus ergebenden Unzulänglichkeiten.

Das tut weh, ist aber ehrlich! Und das tut wiederum gut!

 

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich