Bloginitiative
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Wutentbrannte Tränen

„Wozu Vollmond, wenn wir Schnee haben“, triumphierte Einstein, „Büchsenlicht hätten wir satt!“ Vor einer Woche wachten wir morgens im Gasthof auf, blickten aus dem Fenster und sahen diese herrliche Winterlandschaft.

„Neuschnee ist gut zum Neuen, die Sauen verschreckt das“, erklärte Schachti, sah auf seine Wetter-App und ergänzte, um uns zu trösten, dass der Schnee nachmittags weggetaut sein würde. Uns fiel die Heimreise wegen anstehender Termine an diesem Schneemorgen wirklich nicht leicht. Aber, wat mutt, dat mutt. Sobald wieder Schnee angekündigt würde, führen wir hin, nahmen wir uns vor.

Zehn Tage später. Schneefall in ganz Deutschland, bis in die Niederungen, laut Wetterbericht. Prompt brauchten wir knappe sieben Stunden auf der Autobahn: Schneetreiben, schneeweiß die linke Straßenhälfte, rechts ausgefahrene, glatte Fahrspur, Räumfahrzeuge selten, am Sonntagnachmittag kaum LKWs. Gespräche über Gott und die Welt: Die Macht der Religionen, die ihre Gläubigen, wie es scheint, schamlos instrumentalisieren. Die unterschiedlichen Prägungen in Kindheit und Jugendzeit, die Einstein zu einem Rebellen machten und mich zu einem Sozialromantiker, wie wir belustigt feststellten, und uns an kuriose wie wilde Aktionen in unserem Leben erinnerten.

Kurzer Besuch bei Schachti, anschließend wegknacken im Gasthof.

Der Nachmittagsansitz auf Rehwild entpuppte sich als schwierig. „Bitte keinen Bock schießen, nur weibliches Rehwild“, bat Schachti. Ich starrte durch das Glas, versuchte, bevor die fünf im Maisfeld eintauchten, weibliches und männliches Rehwild zu identifizieren. Keine Chance, sie waren zu schnell und trotz des zwar bereits tauenden aber für genügend Helligkeit sorgenden Schnees nicht auseinander zu halten.

„Sauen haben wir am Waldrand gefährtet, bei der Kanzel, die ihr neulich nicht gefunden habt. Über diese Wiese könnt ihr fahren“, schlug Schachti für den Nachtansitz vor, „und du gehst zur Adamswiese, wie gehabt!“

Gegen 20.00 Uhr pflügte der Allrad durch die nasse Wiese zur Hütte, an deren Rückseite der Hochstand errichtet worden war. Schwer bepackt stiefelte Einstein mit Rucksack, einem aufgerollten Ansitzsack und seiner Waffe los, während ich erhebliche Mühe hatte, aus der nassen Wiese herauszukommen. Mit der Angst im Nacken, wieder stecken zu bleiben, registrierte ich, wie sich die Winterreifen in die Grasnarben gruben und beinahe aufgeben wollten. Der Druck auf das Gaspedal verhinderte den Stillstand. Mit Mühe erreichte ich den schlammigen, aber untergrundfesten Feldweg. Gott sei Dank! Da fahre ich nicht mehr hinein, schwor ich.

Gegen Mitternacht, der Schnee hatte seine Leuchtkraft verloren, rief ich Einstein an. „Ich hole dich ab. Komm‘ über die Wiese zu Fuß, ich will nicht stecken bleiben!“

Zwanzig Minuten später tauchte er im Scheinwerferkegel auf: Hundert Meter von der Wiese entfernt, auf dem Feldweg. Das Gewehr vor der Brust, den Ansitzsack über die Schulter geworfen, den Rucksack unter einen Arm geklemmt, bewegte er sich roboterhaft auf die Heckklappe zu. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, auszusteigen und ihm behilflich zu sein, weil ich die Tragik der Situation nicht erkannte.

Mit letzter Kraft, so schilderte Einstein wenig später, geborgen auf dem Beifahrersitz, habe er durch die Wiese den Feldweg erreicht. „Den Ansitzsack konnte ich in der Enge des Hochstandes nicht einrollen, dieses verdammt schwere Stück. Bin draufgetreten und der Länge nach in den Schneematsch gerutscht. Dann der Rucksack und die Knarre! Die tiefen Reifenspuren im Schnee wie tausend Fallen… Silberlocke, ich konnte nicht mehr. Wütend über meine Kondition musste ich heulen… erzähl es keinem!“

Was hätten wir anders machen sollen, schoss es mir durch den Kopf, als ich sah, wie Einstein sich verstohlen über die Augen wischte.

 

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© Bloginitiative Peter Weidlich